Bild: GoetheStadtMuseum im Amtshaus

SONDERAUSSTELLUNG

Der Ilmenauer Grafiker und Maler Alfred Ehrhardt

Sensibel und kraftvoll - eine Lebenslinie

vom 13. April bis 1. Juni 2014


Alfred Ehrhardt, geboren am 30. März 1939, wächst im thüringisch-fränkischen Städtchen Heldburg auf. 1959 beginnt er ein Studium der Malerei und Grafik an der Kunsthochschule in Dresden bei Lea Grundig und Günther Horlbeck.  Der später bekannte Maler Gerhard Richter ist als Meisterschüler der Akademie mit Staatsaufträgen für die junge DDR beschäftigt. Es ist nicht auszuschließen, dass sich beide hier über den Weg laufen.

Als junger Kunststudent tut sich Alfred Ehrhardt als genauer und analytischer Beobachter hervor. In seinem Skizzenbuch hält er die eleganten Bewegungen von Tänzerinnen der Palucca-Schule fest, zeichnet Tiere, Leute auf Parkbänken und in Cafés, Arbeiter, Kinder, Nacktbadende an einer Elbbrücke - und füllt unzählige Hefte, die erst nach seinem Tod wieder zum Vorschein kommen. Dass er ein exzellenter Drucker ist, müssen schon seine Mitstudenten gewusst haben. In seinem Nachlass finden sich verschiedene Belegdrucke aus der Studienzeit.

Alfred Ehrhardt, 1959
Alfred Ehrhardt, 1959


1964 kommt er nach Ilmenau. Von den 44 Jahren, die er hier verbringt, steht er über 26 Jahre der AG Malerei/Grafik der Technischen Hochschule als künstlerischer Leiter vor. Er prägt Generationen von Studenten und zeichenbegeisterten jungen Leuten der Stadt. Seine hochsensible Art lässt jeden einzelnen seiner Schüler als Persönlichkeit wachsen. Auch das noch so kleinste Detail wird auf einem schnell abgerissenen Zeitungsrand mit wenigen sicheren Strichen skizziert, erklärt, analysiert und wieder zusammen gesetzt. Diese Skizzen lässt er sofort verschwinden. Er will niemandem seine Art zu zeichnen aufdrücken. Eine banale Frage kann sich zum zweistündigen Vortrag mit vielen logischen Ebenen und Verknüpfungen ausweiten. Dabei ist er ein so liebenswürdig kautziger und unglaublich bescheidener Mensch, dass kaum einer ahnt, dass das Honorar für die Zirkelarbeit viele Jahre sein einziges Einkommen ist.



Im Verborgenen verarbeitet er weggeworfenen Gesellschaftsmüll. Klebebilder, Collagen und ganz ungegenständliche freie Zeichnungen entstehen. Fischhäute, -gräten, Eisenfeilspäne, Aschereste, Bonbonpapier, kleine farbige Aufkleber, Teebeutel - fachgerecht auseinandergenommen - eingetrocknete Farbreste, Sand, Krümel, Kohlestückchen werden gesammelt, verpackt und beschriftet für die spätere Verwendung. Alles wird von ihm notiert! Die Ränder seiner Arbeiten enthalten exakte Angaben über Entstehungszeiten, benutzte Substanzen, Papier, Farben, Fixierung. Immer führt er eine "Stundenkladde" mit minutengenauen Aufzeichnungen darüber, was er gerade macht, wer bei ihm ist, wie er sich fühlt. Besonderheiten werden mit anderen Farben hervorgehoben.

In den letzten Jahren seines Lebens ist Alfred Ehrhardt sehr krank. Dennoch führen ihn zwei Pleinair-Reisen mit der VHS Arnstadt-Ilmenau an den Garda-See und nach Rom. Der Impuls diser Reisen lässt ihn wieder zeichnen. Wie besessen arbeitet er an einem Odysseus-Zyklus. Mit klar gesetzten, kraftvollen Strichen malt er sich die Irrfahrt des Odysseus von der Seele. Es ist seine "Lebens-Irrfahrt", Odysseus trägt unübersehbar die Gesichtszüge des Künstlers. Nach seinem Tod wird klar, wie intensiv er im Stillen gearbeitet, ausprobiert, verworfen, noch mal von vorn angefangen, in jeder Hinsicht mit sich gerungen hat. In seinem Nachlass finden sich Berge A4-formatiger Hefte, bis zum letzten Zentimeter voll geschrieben, bis zum letzten Tag ...

Alfred Ehrhardt, Collage auf Werbeblatt
Alfred Ehrhardt, Collage auf Werbeblatt, 2001/02


Eine Gruppe Enthusiasten findet sich spontan zum "Freundeskreis Alfred Ehrhardt" zusammen und übernimmt das Ausräumen der verwaisten Behausung. Als Künstler ist Alfred Ehrhardt quasi unbekannt, alles würde im Container landen. Der Zustand der Wohnung wird dokumentiert, auch sie ist so außergewöhnlich, dass sie als Gesamtkunstwerk gelten kann. Das Häuflein Idealisten ist Wochen damit beschäftigt zu sichten, zu sichern, zu retten. Der Ilm-Kreis stellt dankenswerter Weise schließlich drei kleine Räume als Archiv zur Verfügung.

Zu seinem 75. Geburtstag zeigt das GoetheStadtMuseum Ilmenau eine kleine Auswahl seiner Arbeiten. Die ausgestellten Werke spannen einen Bogen von frühen Tusche- und Bleistiftzeichnungen vor und während des Studiums bis zu freien Arbeiten mit Schwüngen, Collagen und Klebebildern bis zu seinem Tod.